Einfach mal die Fresse halten

Das Massaker von Norwegen ist ein unfaßbares Verbrechen, das durch nichts und niemand in irgendeiner Form gerechtfertigt werden kann. Diesen Satz würden wohl 99,9% der vernunftbegabten Menschen unterschreiben. Und das Grauen, das mit diesem Verbrechen einherging, ist auch so für jeden greifbar – egal ob im Jugendcamp 86 Menschen oder wie später berichtigt “nur” 68 (so viele Anführungszeichen kann man gar nicht machen, wie bei NUR dahin gehören). Auch das ist wohl jedem klar. Nichts desto trotz war es dem Journalisten Christoph Bertram blöd genug, eine hirnrissige Rechnung anzustellen, um den dummen Deutschen das Ausmaß dieses Ereignisse vorzurechnen.

Mehr als achtzig hat er kaltblütig erschossen, viele weitere sind schwer verletzt. Auf Deutschland mit seinen 80 Millionen Menschen umgerechnet, würde dies fast 1500 Tote in einer Nacht bedeuten.

Ich weiß nicht, welchen Teufel den Verfasser geritten haben, einen solch schwachsinnigen Vergleich anzustellen. Aber nun muß man sich vor Augen halten, daß obiges Zitat nicht aus der BILD-Zeitung stammt, sondern aus der vermeintlich seriösen Ausgabe der Zeit-Online. Wo man eigentlich erwarten könnte, daß gelernte Journalisten ihren Beruf mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit ausüben.

Doch, was will man mit einem solchen Vergleich erreichen? Können wir uns etwa nicht das Ausmaß vorstellen, wenn 90 Menschen ums Leben kommen? Oder will uns der Autor nahelegen, daß 90 Norweger 1500 Deutschen entsprechen? Wenn dem so ist, warum?

Für mich sind solche Vergleiche absolut menschenverachtend. Jedes Leben ist gleich viel wert. Und ein Verbrechen, bei dem 90 Menschen ums Leben kommen, ist in Deutschland nicht weniger schockierend, nur weil hier 80 Millionen leben, während es in Norwegen knapp 5 Millionen sind. Bei Katastrophen wie seiner Zeit der Tsunami in Asien, bei dem über 300.000 Menschen den Tod fanden, machen Vergleiche wie die Aussage, daß dabei die komplette Einwohnerschaft von Mannheim entvölkert wurde, noch Sinn, weil es hier wirklich die Dimension verdeutlich (hier “rechnet” man auch 1:1). Aber ein Ereignis auf die Gesamtbevölkerung hochzurechnen, ist gelinde gesagt, in meinen Augen schwachsinnig.

Im Dummy-Blog wird hierzu auch die richtige Antwort gegeben: Spinnt man das weiter, denn entspräche das Attentat in Norwegen einem Fünfachmord in Island. Im Vatikan wären gerade mal 0,02 Menschen ums Leben gekommen. Und der 11. September 2001 ist gegen 5600 “Toten” in den USA quasi ein Kindergeburtstag.

Aber ich finde, das Ganze ist nicht konsequent durchdacht. Geht man von 68 Toten auf einer Insel mit einer Fläche von 0,14 km² aus, so würde es bedeuten, daß das Attentat hochgerechnet auf Mallorca mit einer Fläche von 3600 km² eigentlich 1.750.028 Menschen das Leben gekostet hätte. Und in Island 50.089.285 Menschenleben. Und wenn ein vergleichbares Masaker in Madagaskar stattgefunden hätte, dann läge die Opferzahl bei monströsen 285.134.200. Hör ich da irgendwo ein empörtes SCHWACHSINN? Stimmt…

Liebe Zeit, frei nach Dieter Nuhr: Wenn man einmal nicht weiß, was man schreiben soll – einfach mal die Fresse halten…

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